Erwin Grosches HEFTigkeiten #73
1. Padermann hatte einen NEIN-Stift. Der NEIN-Stift konnte nur NEIN schreiben und war zu nichts anderem zu gebrauchen. Ohne Nachdenken setzte er sein NEIN unter jedes Schriftstück, welches Padermann verneinen wollte. Einmal wurde Padermann gefragt, ob er ein großes Eis haben wollte. Padermann hatte totalen Eishunger, aber er hatte nur den NEIN-Stift zur Hand. Da wuchs er schnell über sich hinaus und schrieb mit dem NEIN-Stift ein JA auf das Papier. Nachher war er so erschöpft, dass er sich sein Eis wirklich verdient hatte.
2. Manche Frauen beklagen sich immer, dass man ihnen zu wenig Aufmerksamkeit schenken würde, wenn sie nicht mehr jung und schön sind. Tja, jung und schön reicht auf Dauer eben nicht aus.
3. Als Kasper kein Kind mehr war, arbeitete er bei der Bank. Sein Freund Seppl stand hinter der Essensausgabe der Sparkassen-Kantine und nannte sich Jack. »Was steht an?«, fragte er manchmal Kasper, bevor er ihm zwei Klöße auf den Teller knallte. Kasper zog an seinem Schlips. In der Mittagspause musste er nicht fest sitzen. »Ich weiß es nicht Seppl...«. »Jack«, sagte Seppl. »Nenn mich bitte Jack.« Kasper stöhnte. »Also gut…Jack«, sagte Kasper. »Ich werde dich nach der Arbeit anrufen. Wir können ja zusammen mit dem Hund rausgehen.« Seppl kicherte. »Au ja«, sagte er. »Das wird geil. Da werden alle staunen.«
4. »Ich bin so froh, dass ich nicht Eugen Drewermann sein muss«, sagte Padermann. »Ich habe genug damit zu tun, mich um die Rettung der Welt zu kümmern, da kann ich nicht auch noch die katholische Kirche erneuern. Wenn ich mir dann noch vorstelle, dass meine einzigen Verbündeten Hans Küng und Uta Ranke-Heinemann sind, komme ich mir doch ziemlich verloren vor… so, als würde ich gegen den Wind pinkeln.« Padermann schüttelte den Kopf. »Was bin ich froh, dass ich nicht Eugen Drewermann sein muss«, sagte er noch mal.
5. ABC Theaterstück. Anton: »Wie geht’s?« Andrea: »Ich bin so traurig, dass ich dich mal geliebt habe.« Bus: »Wenn ich angefahren komme, mache ich Brum Brum!« Bär: »Ich auch!« Beamter: »Wenn ich noch länger arbeiten muss, mach ich das auch, aber ganz langsam!« Bus: »Lasst uns eine Reise unternehmen.« Bär: »Müssen Bären den vollen Fahrpreis bezahlen?« Beamter: »So stark, wie du bist, reicht es, wenn du Brum Brum machst«. Creme: »Ich trinke gerne Coca Cola.« Carola: »Du Miststück, du hast mich nicht verändert.« Creme: »Cool, eine Hooligan.« Deutschland: »Die Ausgaben für den Feldzug driften ins Unermessliche.« Doofer: »Ich finde das doof.« Engel: »Der Wunsch nach Liebe nimmt ab.« Ekel: »Ich bin mehr als ein Gefühl.« Engel: »Ich vermisse Gott. Manchmal scheint er mir so unnahbar.« Ekel: »So lange es Engel gibt, sollten wir uns keine Sorgen machen.« Ende.
6. Alte Menschen sind nicht plötzlich milde geworden, sie haben nur keine Kraft mehr uns zu schlagen.
7. Ich habe das Gefühl, das die Ausländer bei uns die einzigen Vernünftigen sind. Ich finde auch, dass unsere Ausländer besser sind, als die Ausländer in anderen Ländern. Ich war selbst mal Ausländer, konnte aber nicht zeigen, wie total ich mich integrieren würde, weil alle deutsch sprachen. Im Ausland sprechen die Leute viel mehr deutsch als hier. Ich bin nur froh, dass die Ausländer unsere Sprache lernen müssen und wir nicht ihre. Mein Italiener kommt aus der Türkei und mein Russe ist Ungar. So langsam wird mir das zu bunt hier. Ich tue manchmal so, als wäre ich Albaner, damit jeder mein akzentfreies Deutsch bewundern kann. Ich hatte mal einen Ausländer als Nachbarn, der hatte sich hier total eingelebt, der war so was von integriert, der schimpfte sogar auf Ausländer. Irgendwann bekam ich dann mit, der kam aus Detmold. Es gibt auch Menschen ohne Migrationshintergrund, die sich hier fremd fühlen.
8. Es könnte ein Ziel sein, dass man von Vorne besser aussieht als von Hinten.
9. Dicke Männer werfen große Schatten.
10. Warum liegen die Tomaten im Brotkasten? Hallo, hört mir mal jemand zu? Warum liegen die verdammten Tomaten im Brotkasten? Wen ich noch einmal die Gurken in der Spülmaschine finde, gibt es Ärger. Ich kann keine Bananen ertragen, die so tun, als wären sie Zucchinis.
11. Neulich schwebte Padermann über der Stadt. Er sah eine Frau, die einen Besen und einen Schirm trug. Padermann war erleichtert. Sie hatte sich wahrscheinlich den Schirm gekauft, um auch bei Regen mit dem Besen klar Schiff machen zu können. So musste es sein. Padermann flog glücklich weiter, denn er wusste die Stadt in guten Händen.
12. Der wunderbare Bäcker Mertens führt wieder Tigerbrötchen (siehe HEFT Juli/August 2010) im Angebot. Aufgepasst beim Brötchenkauf. Tigerbrötchen machen wild. Wir werden schwach. Danke sagen wir. Danke Bäcker Mertens, Du bist der König der Bäcker.
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2. Paderborn ist eine Brot- und Kuchenstadt. Hier gibt man sich bewusst dieser Leidenschaft hin und ist stolz auf sein Tortendoppelkinn. Hier spricht man über Baiserwolken, hier sehnt man sich nach Tortenregen. Kuchen ist Lebensfreude. Eine Torte muss komponiert sein. Geschmack, Ausdruck und Form bieten viele Möglichkeiten die Welt zu verzaubern.
3. Ein Künstler auf diesem Gebiet ist Bäcker Mertens. Mertens ist ein Gestalter, der sich durch Fleiß und Können einen Namen gemacht hat. Was man bei ihm isst, hat Qualität. Er ist eigen. Man spürt die Diva in ihm. Das, was man bei Mertens findet, gibt es nur bei ihm. Er lotet Grenzen aus. Ich kenne Menschen aus Bad Lippspringe, die eigens nach Paderborn fahren, um bei Mertens einen Kuchen zu essen. Was hat dieser Magier an sich, dass seine Kundschaft ihn so verehrt? Ein leises Mhm liegt in der Luft, ein scheues Grunzen, ein überraschtes Stöhnen. Gibt man sich einer Mertens-Torte hin, vergisst man wer man ist und ist verliebt. Jemanden zu lieben ist so, als würde man sagen: »Du sollst nicht sterben« (Gabriel Marcel). Mertens weiß: Tortenkunst ist Lebenskunst. Er backt Kuchen und Torten, die Geschichten erzählen. Einen Streuselkuchen habe ich bei ihm nicht gesehen, auch um Apfelkuchen macht er einen Bogen. Warum auch? Mertens kennt seine Qualitäten, er kennt auch seine Grenzen. Den Apfelkuchen lässt man Herrn Weyher backen. Da stimmt das Umfeld, das Rezept und die Tradition. Auch einen Streuselkuchen, wie ihn Bäcker Ostermann kreiert hat, zaubert man nicht aus dem Nichts. Ein Narr, der zu früh die Finger auf ihn legt. Nein, Mertens geht andere Wege und der Erfolg gibt ihm Recht. Er ist süß, ohne kitschig zu werden und er ist modern, ohne ungenießbar zu sein.
4. Natürlich hat er auch eine Philadelphiatorte im Angebot, aber er verzaubert sie mertenshaft. Mertens Philadelphiatorte will entdeckt werden. Überzeugend in seiner Schlichtheit, gebannt auf solidem Boden, überrascht die naive Rückendeckung. Sind das zwei zuckerbestreute Kinderkekse? Und warum sind sie mit Zucker bestreut? Mertens hat nachgedacht. Die Zuckerkristalle stehen für Sterne und die ausgelassene Süße für den oberflächlichen Ruf der Amerikaner. 1683 kamen 13 deutsche Quäker- und Mennonitenfamilien aus Krefeld mit dem Schiff »Concord« nach Philadelphia und ließen sich in einem Vorort namens Germantown nieder. Die Mertenstorte erinnert durch 13 Tortenstücke an dieses Ereignis. Genial.
5. Mertens backt Geschichten. Er weiß, dass die Welt sich gewandelt hat. Sein Kuchenangebot ist international. Spanisch Vanille steht neben der Sylter Traum Torte. Da kann man sich kaum entscheiden. Sollen wir ihn reinlassen? Die Sylter Traum Torte ist ein Besuch aus einer anderen Welt. Mertens hält sich an das Erfolgsrezept der Süße, aber er verwirrt. Er kombiniert Süßes und Stumpfes. Er bringt Marzipan ins Spiel, wenn man am wenigsten mit ihm rechnet. Warum nennt er die Torte einen Sylter Traum, der dann doch auf eine Geschmackskombination von Roter Grütze mit Joghurt hinausläuft? Es ist der Boden, der den Strand symbolisiert. Es ist die rote Grütze, die eine Kritik am Massentourismus darstellen könnte, wenn nicht der Joghurt der Süße ihre brutale Harmlosigkeit entziehen würde.
6. Mertens will alles. Er will glücklich machen. Seine Süßspeisen sind Sex. Das ist Tortenkunst auf höchstem Niveau. Nicolas Gomez Davila aß eine Mertens-Torte, als er den Satz notierte: »Jemanden lieben heißt den Grund verstehen, warum Gott diese Torte gemacht hat«.
7. Natürlich fordert auch Genie seinen Preis. Es ist selten, dass große Künstler ohne Sonderbarkeiten auskommen. Bei Mertens muss man fürs Brotschneiden 10 Cent bezahlen und das ist, mit Verlaub, nicht zu begreifen. Ich wunderte mich früher immer, dass Mertens bei aller Großzügigkeit in Geschmack und Form das Brot immer sehr sparsam in Einschlagpapier wickelte, sodass es den Brotlaib kaum umspannen konnte. Warum macht er das? Muss sich kreativer Überreichtum immer ein Ventil schaffen? Es ist auch kaum zu verschmerzen, dass Mertens keine Tigerbrötchen mehr im Angebot hat. Sie sahen nicht nur aus wie Tigerbrötchen, sondern machten auch »Grrrrr«, wenn man in sie biss. Es ist zu hoffen, dass Mertens wieder Kraft und Zeit findet, sich auch wieder seinem Brot- und Brötchensortiment mit der Hingabe zu stellen, die auch diese »schlichten« Backprodukte verdient haben. Ein guter Anfang ist sein Ükernbrot, dass wundervoll anders ist und gut den Menschenschlag wiedergibt, der sich im Ükernviertel angesiedelt hat.
8. Wir sollten nun den Bäcker Mertens loben. Er hat es verdient. Er ist mutig und selbstbewusst. Er ist süß und weltoffen. So muss ein Paderborner Konditor sein. Danke Bäcker Mertens. Es ist beruhigend, dass es sie gibt.
Das Foto ist von Harald Morsch












